Formen und Wege der Seelsorge

Formen und Wege der Seelsorge Gemeinschaft und Teilhabe

Die Seelsorge ist ein Grundauftrag der Kirche. Sie will die Zuwendung Gottes zum Menschen in allen Lebensphasen und -situationen bezeugen. Fast zwei Drittel der verfügbaren Kirchensteuermittel und Kapitalerträge wendet das Erzbistum Paderborn für die Seelsorge auf. Wie bei der Verkündigung des Evangeliums und der Caritas als tätiger Nächstenliebe steht auch bei der Seelsorge die Hinwendung zum Menschen im Mittelpunkt. Dabei wird die kirchliche Arbeit von der Grundauffassung der Teilhabe des Menschen an der Gemeinschaft geleitet. Die Pfarrgemeinden bilden dafür einen wichtigen organisatorischen Rahmen. Aber sie sind nicht der einzige. Die Ablösung herkömmlicher Formen des Zusammenlebens schafft neue soziale Umfelder. Gleichzeitig werden viele Menschen von den bestehenden Gemeinschaften nicht erreicht. Die Folge: Der Verlust von Gemeinschaft bedeutet oftmals Vereinsamung.

Menschen, die sich alleingelassen fühlen, wendet sich die Kirche mit Formen der Seelsorge zu, die besondere Orte aufsucht oder auf Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen zugeht. Das Erzbistum Paderborn wendet dafür jedes Jahr über 30 Mio. Euro aus Kirchensteuermitteln auf. Das Spektrum ist weit. Dazu gehören die Seelsorge in Krankenhäusern und Einrichtungen der stationären Hilfe, im Gefängnis, an Bahnhöfen und Flughäfen, aber ebenso die Notfall- und Telefonseelsorge sowie die Seelsorge für Arme und Wohnungslose, für Drogenabhängige und Suchtgefährdete. In unterschiedlichen pastoralen Kontexten wird so Gemeinde lebendig.

Kreuz im ökumenischen Andachtsraum des Klinikums Dortmund

Der Glaube hat eine heilende Kraft

Das Klinikum Dortmund ist das größte kommunale Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen. Allein der Standort Klinikum Dortmund-Mitte hat rund 1.000 Betten. Darin werden Patienten mit unterschiedlichen Leiden behandelt, von der Blinddarmentzündung bis zu schwerwiegenden Krankheiten mit ungewissem Ausgang. Ihre seelischen Nöte gehen oft über den naheliegenden Wunsch nach baldiger Genesung hinaus. „Im Krankenhaus hat man mehr Zeit, da kommen Fragen und Ängste auf, die vorher nicht so bedeutsam waren“, sagt Martina Niedermaier. Die Gemeindereferentin gehört zum dreiköpfigen Team katholischer Krankenhausseelsorger, die gemeinsam mit ihren evangelischen Kollegen für Patienten, deren Angehörige und die Pflegekräfte da sind. Sie stehen als Gesprächspartner – nicht nur in Glaubensfragen – und Zuhörer zur Verfügung, beten mit den Menschen und spenden Sakramente. „Ein großes Problem ist die Einsamkeit“, weiß Niedermaier. Die treffe nicht nur Menschen am sozialen Rand. Gerade in der letzten Lebensphase werde das traurige Realität. „Viele, die hier im Krankenhaus sterben, sterben ganz allein“, berichtet Krankenhauspfarrer Frank Wecker, Niedermaiers Kollege. „Tod und Sterben bilden die größte Überforderung unserer Gesellschaft.“ Diese delegiere das Thema zunehmend an professionelle Instanzen und schiebe es in die Anonymität ab.

Neben seiner Tätigkeit im Klinikum Dortmund widmet sich Pfarrer Wecker diözesanen Aufgaben. Rund 140 Krankenhäuser gibt es im Erzbistum Paderborn, 51 davon in katholischer Trägerschaft. Rund 80 Priester, Ordensleute und Gemeindereferentinnen und -referenten sind in den Einrichtungen als Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger tätig.
Als Diözesankrankenhausseelsorger hält Wecker Kontakt zu den Trägergesellschaften, kümmert sich um die Fortbildung der Seelsorgerinnen und Seelsorger und um ihre Vernetzung. Und er sorgt dafür, dass die Krankenhausseelsorge kein Nischendasein führt. „Die Krankenhausseelsorger bilden im Idealfall gemeinsam mit Medizinern, Pflegekräften, Therapeuten und Sozialdienst ein multiprofessionelles Team“, sagt der Priester. So ist die katholische Krankenhausseelsorge beispielsweise in vielen Krankenhäusern am sogenannten ethischen Konsilium beteiligt, also an der ethischen Beratung, wenn es etwa um lebensverlängernde Maßnahmen oder den Umgang mit Patientenverfügungen geht. Seelsorge leistet einen Beitrag zur Heilung. „Der Glaube hat eine heilende Kraft“, sagt Pfarrer Wecker.

„Wenn es der Seele gut geht, wirkt sich das auch auf das körperliche Wohlbefinden aus.“ Die Krankenhausseelsorge ist deshalb auch bei nichtkirchlichen Trägern geschätzt.

Die Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft setzen neben der Seelsorge auf eine christliche Grundhaltung, die auch die medizinische Versorgung und Pflege prägt. Die wachsende Zahl von Mitarbeitenden mit geringer oder fehlender christlich-religiöser Bindung erfordert eine Reflexion und Weiterentwicklung des Werteprofils. Das gelingt mit einem Prozess, der alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses einbindet. Er bedient sich der sogenannten Catholic Identity Matrix (CIM), eines Instrumentariums, das in den USA speziell für katholische Krankenhäuser entwickelt und im Erzbistum Paderborn in den vergangenen Jahren an die Anforderungen in Deutschland angepasst wurde. Einige Einrichtungen haben aufgrund ihrer Standortbestimmung und -bewertung bereits konkrete Maßnahmen ergriffen. Dazu gehören die Einführung eines Sozialfonds für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Führungskräfte- Workshops, die Leitlinien für die Führung auf Basis christlicher Werte erarbeiten.

Martina Niedermaier und Pfarrer Frank Wecker im Klinikum Dortmund

"Ich bin die, die Zeit hat"

Auch andere Einrichtungen der stationären Betreuung und Pflege orientieren sich an christlichen Werten. Eine davon ist das Marienheim in Siegen. In dem Altenheim wohnen rund 120 Männer und Frauen. „Wir sind ein fröhliches Haus“, sagt Pia Biehl, die hier als Seelsorgliche Begleiterin tätig ist. Ihre Hauptaufgabe ist es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen: „Ich bin die, die Zeit hat.“ Trotz der grundsätzlich heiteren Stimmung gebe es Ängste, gerade angesichts des nahen Todes. „Wenn es ans Sterben geht, gehen lange verschlossene Schubladen auf“, weiß Biehl. Oft kommen dann verschüttete Familienkonflikte zum Vorschein. Dann spricht sie mit den Angehörigen. Wenn keine Familie mehr da ist, springen ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer ein, um beizustehen und das Gefühl von Einsamkeit zu lindern. Die Seelsorge hat auch die Pflegekräfte im Blick. „Die Kolleginnen und Kollegen wissen, wo ich sie entlasten kann.“

Biehl, die eine Hospiz-Ausbildung und eine geronto-psychiatrische Ausbildung absolviert hat, war Betreuerin im sozialen Dienst des Marienheims und leitet auch heute noch eine Bewegungsgruppe. 2015 wurde sie nach Abschluss eines neunmonatigen Weiterbildungsprogramms vom Erzbischof als Seelsorgliche Begleitung berufen. Das bundesweit bislang einmalige Modell wurde im Auftrag des Erzbistums Paderborn vom Diözesan-Caritasverband entwickelt, um in stationären Einrichtungen eine bedarfsgerechte Seelsorge sicherzustellen. Derzeit sind 104 Seelsorgliche Begleiterinnen und Begleiter in Einrichtungen der stationären Hilfe im Erzbistum Paderborn tätig, die meisten davon in Alten- und Pflegeheimen. Ihre Stellenanteile werden zu zwei Dritteln des Beschäftigungsumfangs vom Erzbistum aus Kirchensteuermitteln gefördert.

Für Pia Biehl ist das Marienheim ein pastoraler Ort, in dem sie das Gemeindeleben gestaltet. Es findet seinen Ausdruck in vielen geistlichen Angeboten entlang des Kirchenjahres. Einige davon richten sich eigens an Demenzkranke. „Offene Angebote machen Neugierige zu Wiederholungstätern“, sagt Biehl. Dazu gehören insbesondere die Erinnerungsgottesdienste für verstorbene Heimbewohner. Das Marienheim ist mit der Pfarrgemeinde vor Ort eng verbunden: Deren Seniorentreff findet im Marienheim statt, Jugendliche absolvieren hier Praktika zur Firmvorbereitung, und das Sommerfest des Marienheims findet mit Beteiligung der Kirchengemeinde statt. Zudem kommt die Hälfte der Gottesdienstbesucher in der Hauskapelle aus der Nachbarschaft.

Pia Biel (rechts) mit einer Bewohnerin des Marienheims in Siegen

Ein Hof der Hoffnung

In einem ehemaligen Schwesternhaus im Sauerland leben rund 20 Frauen eine Gemeinschaft der besonderen Art. Die Fazenda da Esperança in Hellefeld bei Sundern ist ein „Hof der Hoffnung“ für Frauen, die sich entschlossen haben, durch ein Leben in Gemeinschaft einen Weg aus ihrer scheinbar zukunftslosen Situation zu finden. Das können Abhängigkeiten wie Drogen-, Alkohol- und Spielsucht oder Essstörungen sein, aber auch drohender Burn-out, Beziehungsprobleme oder der Verlust von Lebenssinn. „Uns ist es nicht wichtig, mit welchem Päckchen die Frauen zu uns kommen“, erklärt Michaela Fikus, die die Fazenda leitet. Was zähle, sei der Wille, einen neuen Weg zu gehen. „Die Frauen sind eingeladen, von sich wegzugehen und den Blick auf die anderen zu richten“, erklärt Fikus. „Über die anderen komme ich zu mir selbst.“

Mit diesem Grundsatz öffnete 1983 in Brasilien die erste Fazenda da Esperança. Einer der Gründer war der aus dem Erzbistum Paderborn stammende Franziskanerpater Hans Stapel. Der „Hof der Hoffnung“ bot Drogenabhängigen ein Zuhause, eine Gemeinschaft und eine neue Perspektive. Inzwischen gibt es weltweit fast 140 Männer- und Frauen-Fazendas, sieben davon in Deutschland.

Wer auf die Fazenda in Hellefeld kommt, entscheidet sich für ein Jahr ohne Handy, ohne Internet, ohne Alkohol und ohne einen persönlichen Rückzugsort: Die Bewohnerinnen schlafen in Vierbettzimmern. Gemeinschaft, Spiritualität und Arbeit prägen das Zusammenleben und den Tagesablauf. Nach dem Frühstück beten die Frauen in der Hauskapelle den Rosenkranz, lesen das Tagesevangelium und bestimmen das Motto für den Tag. Heute heißt es: „Mach’s mit Herz!“ Es soll die Tätigkeiten des Tages begleiten: Kochen, Waschen, Putzen, Gartenarbeit. In der Werkstatt fertigen die Bewohnerinnen Handarbeiten aus Stoff, Ton und Holz, die sie als Auftragsarbeiten herstellen oder im eigenen Hofladen verkaufen.

Einige Frauen brechen den Aufenthalt vorzeitig ab, berichtet Fikus. 80 Prozent der Frauen, die ein Jahr auf der Fazenda verbracht haben, werden nicht rückfällig.

Die Fazenda in Hellefeld ist ein Rückzugsort, doch er schottet sich nicht ab. Die Dorfbewohner nutzen das Hofcafé als beliebten Treffpunkt, erledigen Reparaturen im Haus, stellen Lebensmittel zur Verfügung und unterstützen die Gemeinschaft mit Sach- und Geldspenden. Und die Gästezimmer der Fazenda sind oft belegt, etwa von Schülergruppen und von Jugendlichen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten. Mitunter äußern die Gäste positives Staunen: „Ach, das ist auch Kirche?“

Die Bewohnerinnen der Fazenda in Hellefeld beginnen den Tag mit dem Rosenkranzgebet.

Gäste zum Frühstück

Kirchliche Gemeinschaft erleben auch die Menschen, die werktags um 9 Uhr zum Franziskanerkloster in Dortmund kommen. Beim Jordan Treff erhalten sie ein Frühstück – drei belegte Brötchen, frischen Kaffee und weitere Lebensmittel zum Mitnehmen – und die Erfahrung, mit Würde behandelt zu werden. Zwischen 45 und 75 sind es jeden Tag. Warum sie herkommen, hat viele Gründe: Sie haben die Stellung verloren, ihr Ehepartner ist verstorben, sie konnten ihre Wohnung nicht mehr halten. „Wer kommt, kommt als Mensch zu uns“, sagt Bruder Klaus Albers vom Franziskanerkloster, der gemeinsam mit Annette Stöckler das Frühstück und andere Angebote für Bedürftige organisiert. „Wir fragen nicht nach einer Berechtigung.“ Für ihn sind es Gäste, die auch als solche behandelt werden. Der Frühstücksraum im Untergeschoss des Klosters ist mit Sorgfalt eingerichtet. „Wir achten die Würde des anderen, wollen Gastfreundschaft vorleben und pflegen einen entsprechenden Stil“, erklärt Annette Stöckler. „So wächst der Sinn für soziales Miteinander.“

Manche Gäste schämen sich trotzdem ihrer Armut und halten sich zurück, andere freuen sich auf Bekannte. An den mit frischen Blumen dekorierten Tischen reden sie über ihren Ärger mit Ämtern oder den Stress mit ihren Betreuern. Andere kommen, um nicht allein zu sein. „Sie ist wie eine Mutter zu mir“, sagt ein Gast über eine ältere Dame, die neben ihm ihren Kaffee trinkt. „Gut, dass ich vor zwei Jahren hierhergeraten bin.“ Ein anderer gibt Bruder Klaus ein Rezept für Medikamente. Der wird sie später in der Apotheke besorgen – und bezahlen.

Der Name des Jordan Treffs erinnert an den 1922 verstorbenen Franziskanerbruder Jordan Mai, der im Dortmunder Kloster den Pförtnerdienst versah. Schon damals kamen Menschen an die Klosterpforte, um Essen zu erbitten oder ihre Sorgen loszuwerden. Mit seinem mildtätigen und seelsorgerischen Wirken half Bruder Jordan vielen Bedürftigen und wird seither tief verehrt. Die Mitglieder der Kirchengemeinde Sankt Franziskus unterstützen das Engagement. Schließlich sorgt die Pfarrei seit Jahren dafür, dass die auf dem benachbarten städtischen Friedhof bestatteten Obdachlosen eine Grabplatte erhalten und nicht anonym bleiben.

Aus der Kirchengemeinde kommen auch viele der 40 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die abwechselnd jeden Morgen ab 7 Uhr das Frühstück vorbereiten, das größtenteils aus Spenden besteht oder mit Spendengeld bezahlt wird. Für die Gäste sind sie außerdem Gesprächspartner und Ratgeber. Sie hören zu, beraten bei Fragen und Sorgen und helfen beim Umgang mit Behörden oder bei der Wohnungssuche.

Die Zahl der Gäste des Jordan Treffs wächst, auch aufgrund der zunehmenden Altersarmut. Rund zehn Prozent von ihnen sind obdachlos.

Wie der Jordan Treff nehmen sich viele Initiativen von Kirchengemeinden und caritativen Einrichtungen mit großem ehrenamtlichen Engagement jener an, die soziale Benachteiligung und Not von gesellschaftlicher Teilhabe ausschließen. Mit dem Sonderfonds für armutsorientierte Dienste der Caritas hat das Erzbistum Paderborn allein im Jahr 2017 mehr als 70 Projekte gefördert. Das Spektrum reicht von Hilfen zur Bekämpfung verdeckter Armut über Bildungsangebote für Jugendliche bis zur Förderung von Maßnahmen zur Verhinderung von gesellschaftlicher Ausgrenzung.

„Alle Menschen brauchen eine Wohnung, um ein gelingendes Leben führen zu können“, sagt Winfried Kersting, Leiter des Referats Wohnungslosenhilfe beim Diözesan-Caritasverband in Paderborn. „Wohnungslos zu sein bedeutet den Verlust von Heimat, Geborgenheit, Vertrauen, Sicherheit und der Möglichkeit des Für-sich-Seins.“ Die möglichen Folgen führten in eine Abwärtsspirale mit Stigmatisierung, Suchtgefährdung, Arbeitslosigkeit und zunehmender Perspektivlosigkeit. Mit ihrem umfassenden Angebot und flankierender Lobbyarbeit versuchen die Beratungsstellen und sozialen Dienste der Caritasverbände, diesen sozialen und seelischen Abstieg zu verhindern.

Bis zu 75 Gäste kommen täglich zum Frühstück ins Franziskanerkloster Dortmund

Das Gefängnis als Gemeinde

In 15 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen ist das Erzbistum Paderborn für die katholische Seelsorge zuständig. Hier begleiten 16 katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger die Inhaftierten und Bediensteten. Daniela Bröckl und Mirko Wiedeking sind als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld- Senne tätig. Mit rund 1.600 Plätzen und 430 Bediensteten ist das Gefängnis mit seinen Außenstellen die größte Haftanstalt Europas.

Die Themen der Seelsorgegespräche unterscheiden sich kaum von den Fragen und Sorgen der Menschen außerhalb der Gefängnismauern. Die Insassen der Haftanstalt kommen aus allen sozialen Gruppen. So geht es in ihren Gesprächen um Probleme in der Familie, um Zukunftsängste, um Sorgen um die Gesundheit, und oft geht es auch um Schuld.

So unterschiedlich wie die Themen ist auch die Kontaktaufnahme zum Seelsorger: Manche Gefangene stellen sich vor, wenn sie neu sind, manche erkennen erst nach zwei Jahren, dass sie ein Gespräch brauchen. Bedienstete und Mitgefangene weisen auf Inhaftierte hin, die Hilfe brauchen.

Im geschützten Gespräch mit dem Seelsorger kommen die Inhaftierten schnell auf den Punkt. Viele Fragen drehen sich um den Wunsch nach Sinn und Erlösung: Warum ist mir das passiert? Warum lässt Gott das zu? Aber auch: Können Sie für mich beten? „Manche schaffen es gerade hinter die Tür, dann fällt alles von ihnen ab“, sagt Bröckl. Wiedeking berichtet von einem Hünen mit ehrfurchtsgebietendem Äußeren, der vor ihm in Tränen ausbricht und am Ende des Gesprächs fragt: „Sieht man, dass ich geweint habe?“

Freundschaften gibt es in Haftanstalten selten – und damit auch kein Forum für persönliche Fragen. Die Seelsorge biete diese Möglichkeit, erklärt Bröckl: „Wir hören zu, wir interessieren uns. Das haben viele noch nicht erlebt.“ Die Gefangenen können sich bei den Gesprächen auf die Verschwiegenheit der Seelsorger verlassen.

Das Seelsorgegeheimnis ist unverbrüchlich. Den Grund der Inhaftierung erfahren Bröckl und Wiedeking übrigens nur, wenn ihnen der Gefangene davon erzählt. Das Delikt sei für die Seelsorge auch nicht entscheidend, findet Wiedeking: „Wir versuchen, den Menschen so in den Blick zu nehmen, wie er ist. Mit seiner Beziehung oder Nicht-Beziehung zu Gott.“ Die Gottesdienste in der Kapelle sind gut besucht. Das Vaterunser beten alle laut mit. Vor allem die Rituale werden geschätzt, so das Entzünden einer Kerze zu den Fürbitten und der Friedensgruß.

Bröckl und Wiedeking sehen ihre Seelsorgetätigkeit als Beitrag zur Resozialisierung. Sie wollen die Menschen unterstützen, damit ein Neustart nach der Haft möglich ist. „Wir sehen das Gefängnis als unsere Gemeinde an“, sagt Bröckl.

Daniela Bröckl und Mirko Wiedeking sind Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne.